
- Ein Kondensatormikrofon bleibt die beste Wahl, um den harmonischen Reichtum einer Akustikgitarre einzufangen.
- Die ideale Position liegt zwischen dem 12. Bund und dem unteren Teil des Korpus, etwa 20-30 cm vom Instrument entfernt.
- Stereo XY oder ORTF sorgen für mehr Tiefe, besonders bei Fingerpicking-Stücken.
- Eine gute Audio-Interface und ein akustisch behandelter Raum sind wichtiger als ein teures Mikrofon.
Ich sehe viele Gitarristen, die Schwierigkeiten haben, ihre Akustikgitarre sauber aufzunehmen. Das typische Szenario: Du holst deine Gitarre raus, schließt ein Mikrofon an, startest deine DAW… und das Ergebnis klingt wie ein nasser Karton. Frustrierend. Die gute Nachricht ist, dass man mit dem richtigen Equipment und ein paar einfachen Prinzipien einen beeindruckenden Akustikgitarrenaufnahme-Sound im Wohnzimmer erzielen kann. In diesem Tutorial schauen wir uns die wesentliche Ausrüstung, die Mikrofonpositionierung, die alles verändert, und die Fallen an, die du vermeiden solltest, damit deine Aufnahmen endlich so klingen, wie du es dir vorstellst.
Die minimale Ausrüstung für die Aufnahme einer Akustikgitarre
Bevor wir über Technik sprechen, legen wir die Grundlagen fest. Um eine Akustikgitarre zu Hause aufzunehmen, brauchst du vier unverzichtbare Elemente. Du musst nicht alles auf einmal kaufen: Man kann mit einem vernünftigen Setup für etwa 300 bis 500 € starten.
- Ein Kondensatormikrofon mit großer oder kleiner Membran (der Klassiker ist das Großmembran-Kondensatormikrofon).
- Ein Audio-Interface mit Phantomspeisung +48V und sauberen Vorverstärkern.
- Geschlossene Monitoring-Kopfhörer, um Übersprechen während der Aufnahme zu vermeiden.
- Ein stabiler Mikrofonständer mit verstellbarem Ausleger und einem XLR-Kabel.



Bei den Mikrofonen gibt es zwei große Kategorien. Großmembran-Kondensatormikrofone bieten einen warmen Klang, perfekt für Gesang und Gitarre. Kleinmembran-Kondensatormikrofone erfassen schnellere Transienten und sehr detaillierte Mitten, ideal für kristallklare Arpeggios und präzises Fingerpicking.
Den Raum vorbereiten: Das Geheimnis, das man immer vergisst

Ein paar einfache Gewohnheiten verbessern das Ergebnis radikal: Nimm in dem am besten möblierten Raum deiner Wohnung auf, stelle deine Gitarre weit weg von Wänden (mindestens 1,5 m Abstand), bedecke reflektierende Flächen mit dicken Decken oder Kissen und schließe die Fenster, um Außengeräusche zu blockieren. Wenn du einen Schritt weiter gehen willst, verwandeln absorbierende Akustikpaneele an strategischen Stellen dein Home-Studio.
Mikrofonpositionierung: Der Schlüssel zum Erfolg
Das ist DER Punkt, der 80 % des Endergebnisses ausmacht. Die Mikrofonposition ist kostenloser EQ. Ein paar Zentimeter mehr, ein paar Grad Neigung, und dein Klang verändert sich komplett. Hier sind die Referenzpositionen, die du systematisch ausprobieren solltest.
Position am 12. Bund: die perfekte Balance
Richte dein Mikrofon auf die Verbindung zwischen Hals und Korpus, etwa 20-30 cm entfernt. Das ist die universelle Position, die bei 90 % der Stücke funktioniert. Du erhältst einen ausgewogenen Klang zwischen den Bässen des Korpus und der Klarheit der Saiten. Immer zuerst ausprobieren.
Über der Schulter des Musikers
Platziere das Mikrofon hinter dem Gitarristen, nach unten gerichtet, auf Ohrhöhe. Du nimmst den Klang so auf, wie du ihn beim Spielen hörst. Sehr natürlich, perfekt für Gesang und Gitarre im intimen Duo.
Unterer Korpusbereich für mehr Fülle
Wenn deiner Gitarre die Bässe fehlen oder du einen dickeren Klang möchtest, richte das Mikrofon auf den unteren Korpus unterhalb der Rosette. Vorsicht vor Boom: Zieh das Mikrofon etwas zurück, um matschige Bässe zu vermeiden.
Vermeide es unbedingt, dein Mikrofon direkt auf die Rosette (das Schallloch) zu richten. Das ist der Anfängerfehler Nr. 1: Die Rosette konzentriert die tiefen Frequenzen und du bekommst einen dröhnenden, unübersichtlichen Klang, der sich nicht mischen lässt. Richte dein Mikrofon immer zum Hals oder zum unteren Korpus, niemals direkt auf die Rosette.
Stereo aufnehmen: der Game Changer
Wenn du Mono beherrschst, steig auf Stereo um. Mit zwei gut positionierten Mikrofonen gewinnt deine Aufnahme an Breite, Tiefe und Realismus. Zwei Techniken dominieren die Akustikaufnahme.
XY bedeutet, zwei Kleinmembran-Kondensatormikrofone kopf-an-kopf in einem 90°-Winkel zu platzieren. Vorteil: keine Phasenprobleme, kohärentes Stereo-Bild, perfekte Mono-Kompatibilität. Ideal, um unkompliziert in Stereo zu starten.
ORTF (französische Norm, erfunden vom Office de Radiodiffusion-Télévision Française) positioniert die beiden Mikrofone 17 cm auseinander mit einem Winkel von 110°. Sie reproduziert die räumliche Wahrnehmung des menschlichen Ohrs: Stereo ist breiter, immersiver, ideal für Fingerpicking oder klassische Solo-Gitarre.
Du willst nicht sofort in ein Mikrofonpaar investieren? Die Double Tracking-Technik ist eine hervorragende Alternative: Nimm denselben Part zweimal mono auf, panne eine Aufnahme nach links und die andere nach rechts. Die kleinen Unterschiede zwischen den Takes erzeugen ein organisches Stereo, das seit den 70ern in Pop-Folk sehr beliebt ist.
Typische Fehler, die du vermeiden solltest

Einige Fallen tauchen bei Gitarristen, die mit der Aufnahme beginnen, immer wieder auf. Vielleicht erkennst du dich in der einen oder anderen wieder, das ist völlig normal.
- Übersteuern des Interface-Eingangs: Stelle deinen Gain so ein, dass die Spitzen maximal -12 dB erreichen, niemals 0 dB. So hast du beim Mixen noch Spielraum.
- Vergessen, die Saiten zu wechseln: Alte Saiten hört man sofort auf der Aufnahme. Wechsle sie 24 Stunden vor der Session, damit sie sich stabilisieren.
- Hintergrundgeräusche ignorieren: Kühlschrank, Klimaanlage, Laptop… schalte alles aus, was du ausschalten kannst.
- Während der Aufnahme bewegen: Schon die kleinste Bewegung der Gitarre zum Mikrofon verändert den Klang. Bleib ruhig und stabil.
Und wie sieht es mit dem Mix aus?
Wenn deine Aufnahme im Kasten ist, reichen ein paar einfache Bearbeitungen, um sie abzurunden. Ein High-Pass-Filter bei 80-100 Hz, um unnötige Bässe zu entfernen, ein leichter Kompressor (Ratio 2:1, max. Gain-Reduktion 3 dB) zur Dynamikstabilisierung und ein dezenter Hall für Raumgefühl. Vermeide Überbearbeitung: Eine gute Aufnahme braucht fast keinen Mix.
Wenn du von Anfang an sauber aufgenommen hast, macht das Mischen Spaß. Ist die Aufnahme schlecht, rettet kein Plugin mehr. Deshalb legen wir so viel Wert auf Mikrofonposition und Raumvorbereitung: Hier entsteht der echte Klang.
Für Fortgeschrittene
Das Aufnehmen der Akustikgitarre zu Hause ist vor allem eine Frage des Hörens und Experimentierens. Das Equipment zählt, ja, aber dein Ohr macht den Unterschied. Probiere aus, verschiebe dein Mikrofon um 5 cm, nimm neu auf, vergleiche. Nach ein paar Sessions erkennst du intuitiv, was mit deiner Gitarre, deinem Raum und deinem Spielstil funktioniert. Und genau da beginnt der wahre Spaß am Home Recording: endlich den Sound auf Band (digital natürlich) einzufangen, den du im Kopf hörst.

