Zentrale Figur des alternativen Rocks der 90er Jahre, hat Kurt Cobain die Geschichte nicht nur durch seine unverwechselbare Stimme und seine rauen Kompositionen geprägt, sondern auch durch seine bewusste Wahl von Instrumenten, die gegen den Strom schwammen. Im völligen Gegensatz zu den Virtuositäts- und Raffinessestandards, die damals die Welt der Gitarre dominierten, zeigte Cobain eine klare Vorliebe für günstige, abgenutzte und oft selbst umgebaute Modelle. Unter diesen nahm die Fender Mustang eine besondere Stellung ein.

Obwohl sie in den 60er Jahren als Einsteigergitarre konzipiert wurde, wurde die Mustang durch Cobain zu einer Legende erhoben. Er beschrieb sie als seine Lieblingsgitarre, trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer vielen Mängel: ihre Instabilität beim Stimmen, ihre ungewöhnliche Elektronik, ihr atypisches Design. Diese Gitarre, die technisch nicht durch Leistung glänzt, verkörpert dennoch perfekt die Grunge-Ästhetik: roh, ehrlich, unvollkommen.
Seine Bindung an die Mustang war kein Zufall. Als Linkshänder schätzte er die Möglichkeit, ein Modell zu erwerben, das direkt für die linke Hand konzipiert war, wodurch handwerkliche Umbauten vermieden wurden. Er besaß nur sehr wenige – nach eigenen Angaben zwei – aber jede einzelne davon schrieb Geschichte. Das ikonischste Beispiel bleibt seine Mustang Competition von 1969 in blauer Farbe mit weißem Racing-Streifen, die im legendären Video zu „Smells Like Teen Spirit“ zu sehen ist. Cobain hatte sie um 1990-91 gebraucht gekauft, zu einer Zeit, als dieses Modell weder begehrt noch teuer war.
Die Wahl dieser Mustang, um Nirvana in einem der einflussreichsten Rockvideos aller Zeiten zu repräsentieren, ist kein Zufall. Sie trug dazu bei, das Instrument dauerhaft im kollektiven Bewusstsein als ikonisches Grunge-Instrument zu verankern.
Die Fender Mustang: eine Gitarre wie keine andere




Wenn die Mustang heute noch die Neugier von Gitarristen weckt, liegt das zum großen Teil an ihrem außergewöhnlichen Design, das weit entfernt von den klassischen Fender-Standards ist.
Größe und Ergonomie
Die Mustang zeichnet sich zunächst durch ihren Offset-Korpus aus, ähnlich dem der Jazzmaster, und vor allem durch ihren kurzen 24-Zoll-Hals, der deutlich kürzer ist als der einer Stratocaster. Diese Besonderheit verleiht dem Instrument eine angenehme Spielbarkeit, besonders für Musiker mit kleineren Händen. Sie begünstigt auch Bends durch eine verringerte Saitenspannung. Ursprünglich gab es eine noch kürzere Version mit 22,5 Zoll, die jedoch eine Randerscheinung blieb. Die kurze Mensur trägt zu einem weichen Spielgefühl bei, das der Mustang einen „weicheren“, unvorhersehbareren Klang verleiht – genau das, was Cobain gefiel.
Elektronik und Tonabnehmer

Ein weiteres markantes Merkmal ist die ungewöhnliche Elektronik der Mustang. Statt eines klassischen Dreiweg-Schalters ist sie mit zwei unabhängigen Schaltern ausgestattet, jeweils mit drei Positionen, um die beiden schräg angeordneten Single-Coil-Tonabnehmer zu steuern. Dieses System erlaubt Phasen-, Gegenphasen- oder Einzelabnahme-Konfigurationen, die klare, etwas nasale Klangfarben erzeugen, typisch für das Modell.
Doch Cobain, ein Liebhaber von Sättigung, scheute sich nicht, das Instrument zu modifizieren. 1992 ersetzte sein Techniker Earnie Bailey den Steg-Tonabnehmer durch einen Seymour Duncan Hot Rails, einen Humbucker im Single-Coil-Format, der viel besser zur aggressiven Verzerrung des Grunge passte. Solche handwerklichen Umbauten waren bei Mustangs üblich, die als ideale Plattformen für Customizing galten.
Steg und Vibrato
Ein weiteres ungewöhnliches Bauteil ist das Dynamic Vibrato-System von Fender, das oft wegen seiner Instabilität kritisiert wird. Der schwebende Steg, der auf Einstellschrauben montiert ist, ist besonders launisch, vor allem bei Cobains kraftvollen Anschlägen. Auch hier waren Modifikationen nötig. Bailey ersetzte den Originalsteg durch einen Tune-O-Matic, der robuster ist, und deaktivierte das Vibrato, indem er den Block umdrehte und Unterlegscheiben hinzufügte, um den Hebel zu blockieren. Das Ergebnis: bessere Stimmstabilität und erhöhte Zuverlässigkeit auf der Bühne.
Diese Anpassungen zeigen die paradoxe Natur der Mustang: eine Gitarre, die für Anfänger gedacht war, von Cobain umgebaut wurde, um sein Hauptinstrument zu werden – sowohl im Studio als auch bei den wilden Konzerten von Nirvana.

Design und Verarbeitung

Optisch hebt sich die Mustang ebenfalls ab. 1969 brachte Fender die „Competition“-Versionen heraus, mit Streifen, die von den Shelby Mustang Rennwagen inspiriert sind. Das von Cobain genutzte Modell zeigt ein Competition Burgundy-Finish, das dem Lake Placid Blue sehr nahekommt, durchzogen von einem markanten cremefarbenen Streifen. Dieses Vintage-Design, kombiniert mit einer kompakten Form, verleiht dem Instrument eine ästhetische Persönlichkeit, die einen jugendlichen Cobain, der bereits modifizierte und handbemalte Gitarren liebte, nur begeistern konnte.
Schlussendlich verkörpert die Fender Mustang all das, was Cobain in einer Gitarre suchte: Persönlichkeit, Unregelmäßigkeit, klangliche Rauheit, fernab von der klinischen Perfektion der Studio-Gitarren der 80er Jahre. Sie wurde so zu einer Erweiterung seiner Kunst, einer weiteren Stimme in seiner musikalischen Sprache voller roher Emotionen.
Von der „Lieblingsgitarre“ zum Ausstellungsstück in London
Die Geschichte von Cobains Fender Mustang endet nicht mit dem tragischen Tod des Künstlers. Ganz im Gegenteil, sie lebt weiter in der Welt der Sammler und Fans. Die blaue Mustang Competition aus „Teen Spirit“, die jahrelang im Museum of Pop Culture in Seattle ausgestellt war, wurde 2022 versteigert. Vor dieser Auktion war sie kurzzeitig in London im Hard Rock Cafe am Piccadilly Circus zu sehen und wurde so zu einem quasi religiösen Objekt für Grunge-Anhänger.
Die Versteigerung selbst erreichte Rekordhöhen: 4,5 Millionen Dollar, eine unglaubliche Summe, die Cobains Mustang zu einer der teuersten je verkauften Gitarren macht. Ein eindrucksvolles Symbol für das Erbe von Nirvana.
Doch der Wahnsinn um Cobains Instrumente endet hier nicht. Eine weitere legendäre Gitarre übertraf alle Rekorde: seine akustische Martin D-18E, die beim MTV Unplugged-Konzert 1993 verwendet wurde. Mit dieser Gitarre lieferte Cobain eindringliche Versionen von „About a Girl“, „Come As You Are“ und „Where Did You Sleep Last Night“. Sie wurde 2020 für über 6 Millionen Dollar verkauft und ist damit die teuerste Gitarre der Geschichte.

Genau diese Martin steht heute im Mittelpunkt einer großen Ausstellung in London. Seit dem 3. Juni 2025 zeigt das Royal College of Music Museum „Kurt Cobain Unplugged“, eine umfassende Hommage an Nirvana und den besonderen Moment des MTV Unplugged. Die D-18E wird dort erstmals in Europa ausgestellt, begleitet von Cobains berühmtem olivgrünen Mohair-Cardigan. Weitere persönliche Gegenstände ergänzen die Ausstellung: Konzertplakate, seltene Schallplatten, Ausrüstungsgegenstände. Die Ausstellung ist für nur 5 £ zugänglich und ermöglicht eine vollständige Eintauchen in die Welt von Nirvana.
Das Event, das vom Journalisten Alan di Perna und der Kuratorin Gabriele Rossi Rognoni mitorganisiert wurde, ist ein großer Publikumserfolg. Es zeugt von der ungebrochenen Kraft des Cobain-Mythos, mehr als drei Jahrzehnte nach dem Höhepunkt der Band.
Obwohl die ikonische Fender Mustang aus „Teen Spirit“ nicht Teil dieser Ausstellung ist (die sich auf akustische Instrumente konzentriert), hatte sie bereits ihren musealen Ruhm. Und ihre Aura hält an. 2012 brachte Fender sogar eine Kurt Cobain Signature Mustang heraus, die den Besonderheiten des Originalmodells treu bleibt. Ein Modell, das bei Fans und Musikern beliebt ist, die diese rebellische und einzigartige Note suchen, die Cobain ausmacht.
Indem Kurt Cobain sein Image mit der Fender Mustang verband, tat er weit mehr, als nur eine Gitarre zu wählen: Er verwandelte sie in ein Symbol einer Ära, eines musikalischen Aufbegehrens, einer Ablehnung von Normen. Dieses ursprünglich bescheidene Modell wurde durch ihn zu einer wahren Ikone, zugleich Kultobjekt und Werkzeug roher Ausdruckskraft. Noch heute erzählt die Mustang in den Händen von Musikern oder hinter Museumsvitrinen eine Geschichte von purer Leidenschaft, rauen Klängen und einer musikalischen Revolution, die das Gesicht des Rock für immer veränderte.
Quellen :
Kurt Cobain & Jeff Gilbert, Guitar World (1991)
Stuart Williams, MusicRadar (2024)
Wikipedia – Fender Mustangen.wikipedia.orgen.wikipedia.orgen.wikipedia.org
Julien’s Auctions via MusicRadar (2022)
Royal College of Music Museum – Kurt Cobain Unplugged
Euronews (David Mouriquand, 2025)
MusicRadar (Stuart Williams, 2022)

